Eva Hesse

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Eva Hesse - Leseprobe Nr. 3        ( 1  2  3  4  5 )

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Ideologie als paranoide Erlebnisform in Politik und Kunst

 

   Keineswegs waren die bahnbrechenden Autoren der literarischen Moderne, die sich in der Falle des Faschismus verfingen, vom Willen zum Bösen beseelt, wie zuweilen unterstellt wird. Das moralische Problem liegt eher in der Bewusstseinsblindheit gegenüber wesentlichen Bereichen des Bösen bei gleichzeitiger Fixierung auf bestimmte manisch verfolgte <gute Absichten>. Viele der ideologischen Denkansätze, denen wir in der anti-liberalen Moderne begegnen, zeigen ihre Virulenz erst vor dem großen Panorama der Nazigreuel. So manches hat auf den ersten Blick nichts sonderlich Verwerfliches, ja nicht einmal etwas besonders Irrationales an sich, doch insgesamt potenzierte diese Literatur den mörderischen Sog des Zeitgeists, stellt sie doch die intellektuelle Seite des allgemeinen Ver­sagens der Mitleidsethik in diesem <Jahrhundert der Wölfe> dar.

   Die Materialschlachten des Ersten Weltkriegs, der Verfall des Geldsy­stems, die Revolutionswirren in Russland machten jedem einzelnen über­deutlich, dass es fortan kaum noch irgend etwas geben würde, woran man sich ein Leben lang gesellschaftlich, beruflich, ökonomisch oder weltan­schaulich würde halten können. Die wenigsten brachten jetzt noch die von Ezra Pound geforderte Offenheit für das Neue, <die Kraft, mit Ungewiss­heiten zu leben>, auf.

   So hängt die Anfälligkeit des Jahrhunderts für autoritäre Ideologien, die infantile Manie, alle Übel in bestimmten Perso­nenkreisen zu personifizieren (den Juden, den Rechten, den Linken, den Ausländern), zweifellos mit dem Verlangen nach fix und fertigen, nach einfachen Antworten auf die komplexen Fragen der Zeit zusammen.

   Gerade die harmonische Fiktion einer <heilen Welt>, wie die der <organisch gewachsenen Volksgemeinschaft>, die angeblich alle Klassen­konflikte übergreift, erfüllt aber diejenige Grundbedingung der Ideologie, die Karl Marx an Hegels Idealisierung des preußischen Staates ausmachte. Er nannte sie: <Das trügerische Bild antizipierter Versöhnung>. Es spie­gelt die Einhelligkeit der Meinungen vor, aus der der totalitäre Staat seine Legitimation bezieht. Eine gleichsinnige Tendenz findet sich im Anspruch auf die totale Sinndeutung des Daseins, den viele Werke der modernen Literatur erheben. Denn je nach dem, wie sich der fiktive Konsens von Mal zu Mal konstituiert, sehen wir die realen Widersprüche ausgeblendet, oft so, dass sich die dichterische Aussage zu einem riesigen Bejahungsmechanis­mus zusammenschließt, einem Wahngebilde von fugenlosen <organi­schen Zusammenhängen>.

   Die Reduktion der Wirklichkeit im Sinne einer imaginären Homogenität entsteht, ob in der Literatur oder der Poli­tik, durch einen Akt des Ausschlusses, <einen Akt, der Reinheit intendiert, dessen Form aber sadistisch ist> (Georges Bataille). Es liegt auf der Hand, dass in einer politischen Doktrin, die, ob rechts oder links, jeden Widerspruch als Subversion ausschließt, die Ent­scheidung immer im Sinne der bereits existierenden Hierarchien gefällt wird. An dieser Stelle nistet sich das für das ideologische Denken so be­zeichnende <falsche Bewusstsein> ein, dazu Bataille:

   <Der Ausschluss der heterogenen Elemente aus dem homogenen Bereich des Be­wusstseins hat demnach eine formale Ähnlichkeit mit dem Ausschluss von Ele­menten, die die Psychoanalyse als unbewusste beschreibt und die durch die Zensur vom bewussten Ich ferngehalten werden.>

   Augenfällig an der Denkstruktur des Ausschlusses ist der hinweggelogene Widerspruch, der alsbald in der Gestalt eines <inneren Feindes> wiederkehrt. Bataille erklärt den Mechanismus dieser Projektion auf­grund der Tatsache, dass die Herstellung der einheitlichen Meinung ei­gentlich nicht auf den ausgeschlossenen Widerspruch verzichten kann, denn die homogene Gesellschaft ist <unfähig, in sich selbst einen Sinn und Zweck des Handelns zu finden>. Homogenität ist immer nur tendenziell realisierbar, sie vermag sich nicht aus sich selbst zu begründen.

    So gerät die homogene Gesellschaft in die Abhängigkeit von ihrem Feindbild, das sie als Bedrohung erlebt und in das nun alles <Böse> hin­einverlagert wird. Dies ist die paranoide Erlebnisform, die alles durch­zieht – die Ideologie in ihrem negativsten Sinn. Wir finden sie häufig in der Tagespolitik, wobei der Ausschluss <den> Juden, <die> Frau, <den> Andersgläubigen oder <die> Masse treffen mag.

   Noch häufiger allerdings begegnen wir ihr bei unseren <über den Zei­ten stehenden> Genies, eben den Schriftstellern, die sich gegen die Vulgarität der liberalen Massendemokratie und die Unzumutbarkeit der so­zialistischen Gleichmacherei verwahren, wobei ihr Impuls letztlich der individualistischen Zurückweisung von Gesellschaftlichkeit überhaupt entspringt.

   In der politischen Praxis führt die Denkstruktur des Aus­schlusses ganz folgerichtig zur Fremdenfeindlichkeit, zur Vernichtung der Andersartigen in Konzentrationslagern, zur Internierung der Stö­renden in Irrenanstalten, zur Aussperrung von Dissidenten von Berufs­ und Existenzmöglichkeiten. Das totalitäre Denken löst die «zersetzenden» und vielspältigen ge­sellschaftlichen Gegensätze in eine bedrohliche Einheit auf, «in die Allge­genwart des Todes, die das Prinzip der Herrschaft ist. Seitdem definiert sich die Macht nach Maßgabe ihrer Annäherung an den Tod. Die Macht konstituiert sich, indem sie den Tod, seine eisige Vollkommenheit, seine zwingende Notwendigkeit nachzuahmen sucht.

Aus: Die literarische Reproduktion des Führerprinzips (1995)

 

 

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Eva Hesse ist bekannt als Autorin, Essayistin, Herausgeberin und
Übersetzerin. In knapp 50 Büchern und zahlreichen weiteren FB>
Veröffentlichungen hat Eva Hesse amerikanischen Dichtern wie Ezra
Pound, T.S. Eliot oder E. E. Cummings für das deutsche Publikum
entdeckt und ihren ganz eigenen Standpunkt zu aktuellen Zeitfragen
gefunden. Auf ihrer Homepage finden sich Leseproben und eine komplette
Bibliographie.

 

 

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