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Eva Hesse: Antwort auf Uwe Pörksens
"... wenn einer dafür lebt, was Dichtung ist",
Rainer Maria Gerhardts Freiburger Fragmente

 

"Die aufgabe, gerhardt / ist genau zu sein, gleich / von anfang an," schreibt Robert Creeley an Rainer Gerhardt, zitiert von Uwe Pörksen  in seinem ausufernden Essay über den  Dichter Rainer Gerhardt. Er selber fühlt sich zur Genauigkeit eher nicht verpflichtet. Das zeigt sich bereits bei den Titelangaben  der Gedichte Ezra Pounds, die Gerhardt (oder doch seine Frau?) übersetzt hat. Da geht es um Pounds "Ode Pur (sic) L'Election de son Sepulchre" oder wahlweise um "die oben genannte Ode". Man wird sie in keinem Inhaltsverzeichnis finden, denn es handelt sich um den Gedichtzyklus "Hugh Selwyn Mauberley", dessen erster Abschnitt richtig "E. P. Ode pour l'Election de son Sepulchre" heißt, wobei es um das Wortspiel "E. P. Ode" auf den Namen Ezra Pound geht.

In seinem Essay vergleicht Pörksen meine Übersetzung der ersten Strophe mit der von Gerhardt, sehr zu meinen Ungunsten. Er bedient sich dazu meiner aller ersten Fassung aus dem Jahr 1953, die ich bereits 1959 revidiert hatte und die in der überarbeiteten Form seit 1959 in meinen Pound Editionen steht, was Pörksen bis heute (im Jahr 2007!) nicht wahrgenommen hat. Aber schauen wir uns den Vergleich an:

 

Pound:

For three years, out of key with his time
He strove to resuscitate the dead art
Of poetry; to maintain "the sublime"
In the old sense. Wrong from the start –

 

Gerhardt:

drei jahre hindurch, ohne rücksicht auf seine Zeit
streift' er  umher, wiederzuerwecken die tote kunst
der dichtung; "das sublime" zu erhalten
im alten sinn. irrend von anbeginn –

 

Hesse (1953)

Drei Jahre lang gegen die Strömung der Zeit
Versuchte er die tote Kunst der  Dichtung
Zu wecken, das "Erhabene" zu erhalten,
Wie man es einst verstand. Von Anbeginn verfehlt –

 

Natürlich zieht Pörksen – einmal "von der Frage sprachlicher Richtigkeit abgesehen" – die Gerhardtsche Fassung vor: sie ist "wörtlicher, der englischen Syntax näher, spröder, härter, befremdlicher". Na ja, über die literarische Originalität von "drei jahre hindurch" will ich nicht lange streiten, aber "he strove" bedeutet  auf keinen Fall "er streift' umher". "wiederzuerwecken die tote kunst der dichtung", das muss ich anerkennen, ist syntaktisch wirklich scheußlich – aber hatte Ezra Pound sich nicht jeden "vergrätschten Satzbau" in seinem Manifest "Don'ts" von 1917 verbeten? Im Englischen ist "das Sublime" kein Fremdwort und in der Romantik wurde sogar häufig  auf die deutsche literarische Auseinandersetzung über "das Erhabene" verwiesen. Das Gerund andererseits (wie in "irrend") kommt nur in der getragenen Papiersprache vor.

1959 hatte ich "gegen die Strömung der Zeit" abgeändert in "im Misston mit der Zeit", um dem musikalischen Grundmotiv des Gedichtes besser Rechnung zu tragen, in dem Pound programmatisch wieder zum konventionellen "Reim und regelmäßige(r) Strophe" zurückkehrt, allerdings durchbrochen von der "syrischen Synkopierung" Bions. Aber auch Gerhardt hatte die musikalische Bedeutung von "out of key" verpasst. Zudem wird von dem raffinierten metrischen Schema des Gedichts bei ihm rein gar nichts hörbar.

Die sprachschöpferischen Fähigkeiten von Gerhardt, so groß sie sein mögen, sind gerade an dieser Stelle in "Mauberley" völlig fehl am Platz, wo Pound eine Montage aus den Banalitäten und Clichés errichtet, die ihm in London von der Öffentlichkeit um die Ohren gehauen wurden. Wenn Pörksen mir vorwirft, Pound sei "unter der Mattscheibe einer vergangenen poetischen Idiomatik kaum erkennbar", dann beschreibt er genau die Wirkung, auf die es der Dichter mit seinen abgedroschenen idiomatischen Redensarten anlegt – einmal ganz abgesehen von der immer noch ungelösten Frage, in welcher Person Pound hier eigentlich spricht ─ in der eigenen oder der "Mauberleys".  Jedenfalls sollte man nicht, wie es Gerhardt und Pörksen tun, eine sprachlichen Eindeutigkeit voraussetzen, die der avantgardistischen  Vielstimmigkeit des Textes weltenfern steht.

"Einzig die Qualität der Emotion zählt" ─ heißt es bei Gerhardt als Wiedergabe einer berühmten Canto-Zeile, ganz so als hätte Pound nie seinen Abscheu vor abstrakten Substantiven kundgetan. Aber "affection" bedeutet "Zuneigung" nicht "Emotion" und liegt deswegen auf einer anderen Ebene als die "emotionale Kraft des Gedichts". Man sollte nicht über eine bewußt falsche Übersetzung kluge Zusammenhänge türken.

Völlig absurd und ein wenig schmerzhaft wird es, wenn Gerhardt meint, Pound sei "entschlossen aus Eicheln Lilien zu pressen," was Pörksen natürlich wieder viel besser findet, als mein: "war er darauf versteift, der Eichel Lilien abzuringen".  Jedoch in meiner "Sprache eines rückwärtsgewandten Mädchenpensionats" (so Pörksen) kommen wir dem handfest sexuellen Sinn dieser Zeile immerhin bedeutend näher: englisch "acorn" ist die lateinische "glans" oder die französische "gland" also die männliche Drüse, es handelt sich somit um die "Eichel" des Mannes. Eine ähnliche sexuelle Bewandtnis hat es mit der "Lilie": "Die glans, die alle Formen zwischen rund und spitz  annehmen kann, hat beim Rhinozeros die Gestalt einer plumpen Fleur-de-Lys" (aus Pounds Übersetzung von Remy de Gourmonts "Physique de l'Amour").

Stillschweigend geht Pörksen in seinem Essay von einer unbewiesenen Behauptung aus: nämlich, dass die Avantgarde mit einer bestimmten Übersetzungstheorie zusammenhängt. Damit setzt sie für ihn zugleich den einzigen Maßstab für die Qualität einer Übersetzung. Es handelt sich um die Marotte einer sprachverfremdenden Übersetzung, die keinerlei Rücksicht auf die eigene Sprache nimmt und der avantgardistischen "Ästhetik des Hässlichen" Genüge tut, in der Tradition der "harten Fügung" steht und Verstöße gegen den deutschen Satzbau als übersetzerische Höchstleistung wertet. Als rein äußerliche Kennzeichen gewisser avantgardistischer Ansätze hat das sogar eine gewisse Berechtigung, aber sobald man sich auf die rein säkulare Motivation der Avantgardebewegung besinnt, sieht das etwas anders aus. Denn diese Übersetzungshypothese beruht letztendlich auf einer mystischen Überhöhung von sachlichen Problemen. Benjamin hat es formuliert: es sei das eigentliche Ziel der Übersetzung: "die reine Sprache, die  in der fremden gebannt ist, in der eigenen zu erlösen." Der Gedanke geht letztlich von der naiven Vorstellung der "Dieselbigkeit" (Goethe) aller Sprachen aus, die eine Übersetzung gegen den Geist der eignen Sprache statthaft macht und so eine Barriere zwischen Leser und Werk errichtet, die höher ist als es die Fremdsprache war.

So moniert Pörksen überall bei mir die fehlende Praxis einer Theorie,  mit der ich mich ausdrücklich auseinandergesetzt  und die ich abgelehnt habe  (nachzulesen in meinem Essay "Vom Zungenreden in der Lyrik", in  "Lyrik-Importe von Eva Hesse", Rimbaud Verlag 2005). Statt der im Namen des "Avantgardismus" geforderten Gleichschaltung aller Texte auf eine einzige imaginäre "Sprache a priori", habe ich für jeden der großen Dichter der Avantgarde und der Moderne, den ich den deutschen Lesern vorgestellt habe, eine je eigene Sprache gesucht.

Die angestrebte Verflachung aller Sprachstufen zu einer verabsolutierten Gegenwärtigkeit ist aber besonders ungeeignet für Ezra Pound, dessen Dichtung nacheinander die Entwicklung von einer prä-raphaelitischen Romantik zur Avantgarde und von der Avantgarde zum High Modernism und dann zum Postmodernism durchlaufen hat, wobei alle früheren Phasen in den Nachfolgenden enthalten oder aufgehoben sind. Das lässt sich kaum auf eine deutsche Übersetzungstheorie reduzieren, die anderen internationalen Avantgardebewegungen weitgehend fremd geblieben ist. Tatsächlich haben wir in Ezra Pounds "Mauberley" dieselbe Dialektik von Alt und Neu, die sein ganzes Werk durchzieht: das avantgardistische Bestreben "to make it new" gegen das immerwährende Bestreben, die großen Traditionen neu zu beleben. Gerade "Mauberley" bezeichnet Pounds Absage an seine avantgardistische Phase und den Übergang zum traditionelleren High Modernism. Deswegen sollte es dem Übersetzer hier darum gehen, die literarische Komplexität  Pounds nicht zu Gunsten seines eigenen werkfremden Theorieansatzes einzuebnen. Und  dazu gehört es auch ─ eben im Sinne der angesprochenen "Genauigkeit" ─ dass die "altmodischen" Tonlagen der frühen Dichtung und der späteren Zitaten daraus nicht unterschlagen werden dürfen, was Pörksen implizit von mir verlangt.

Vor Ezra Pounds Vielschichtigkeit muss die geforderte Reduktion auf eine einseitige und dogmatische Übersetzungstheorie versagen, deren angebliche Identität mit dem Avantgardismus eine unbewiesene Hypothese bleibt. Und Pörksen selbst entlarvt die ganze Schäbigkeit seiner Methode. O-Ton Pörksen:

"'Modern' oder 'überholt', das kann sich im Laufe der Jahre vertauschen; der Begriff ist ein bequemes Mittel, sich ohne weitere Unkosten als der Überlegene zu etablieren. Er kann als Propagandainstrument dienen, als Fliegenklatsche, zu einem erfolgreichen Täuschungsmanöver werden."

 

 

 

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Eva Hesse ist bekannt als Autorin, Essayistin, Herausgeberin und
Übersetzerin. In knapp 50 Büchern und zahlreichen weiteren FB>
Veröffentlichungen hat Eva Hesse amerikanischen Dichtern wie Ezra
Pound, T.S. Eliot oder E. E. Cummings für das deutsche Publikum
entdeckt und ihren ganz eigenen Standpunkt zu aktuellen Zeitfragen
gefunden. Auf ihrer Homepage finden sich Leseproben und eine komplette
Bibliographie.